Kindheit eines Mädchens in den 70-er Jahren des sozialistischen Staates
– 1. Kapitel –
Da kamen sie die Erinnerungen aus dem besonderen Lebensjahr. Das sozialistische Denken in den Köpfen, den Schmerz und die Traurigkeit für bestimmte Zeit einiger Kinder in einem nach außen heilem Regime, strebend nach dem perfekten Sozialismus.
Im 4. Schuljahr, als Elaine die Jahreszahl zehn auslebte, hatte sie eine Vielzahl gleichaltriger Freunde.
Elaine kannte keinen Unterschied zwischen arm und reich.
Sie lebte mit ihren Eltern und 4 Geschwistern im Harz einer mittelgroßen Stadt. Der Anteil an der hiesigen Industrie war stark vertreten, wobei sich die Stadt in den Wintermonaten unter einer Braunkohle-artig, qualmenden Glocke befand. Der Anteil der dort an atemswegserkrankten Kindern war dementsprechend hoch.
Eines warmen Tages trödelte Elaine nach Schulschluß mit einigen Kindern in das 1,5 Kilometer entfernte Gebäude der Schulspeisung, welches Treffpunkt aller Schüler und Schülerinnen aus mehreren Schulen des gemeinsamen Mittagessens war.
Elaine war nicht gerade gut gebaut. Sie war von kleiner zierlicher Natur, hatte lange dunkelbraune Haare, meist den ernsten nachdenklichen Blick. Wobei sie das Essen mitunter nicht als Notwendigkeit ansah. Sie hielt die Zeit des kindlich erkundeten Spielens für sehr bedeutend.
Schulisch versuchte sie mit gewissen Tricks die Lehrerschaft zu täuschen. Welches ihr von Zeit zu Zeit gelang. Wiederum die Lehrer nach einiger Zeit Rücksprache mit ihren Eltern hielten.
Somit musste Elaine sich auf eine unvorhergesehene Auseinandersetzung mit ihrer Mutter gefasst machen. Sie sträubte sich gegen die rechenschaftsablegenden Erklärungen und Fragen verlangend von den Erziehungsberechtigten. Elaine lief panisch um den riesigen Esstisch im Wohnzimmer ihrer Elternwohnung, da ihre Mutter hinterdrein, wutentbrannt mit dem Teppichklopfer in der rechten Hand in riesigen Schritten versuchte sie zu fassen. Elaine war sehr flink, welches ihre Mutter noch rasender machte. Dementsprechend ihre Akkustik in der Stimme zu Wort kam. Dennoch verlor Elaine das laufende Ringen, sie musste die hassenden Schläge windend erdulden.
Elaine betrat mit dem herunterdrücken der Türklinke das Gebäude der Schulspeisung. Sie visierte mit einer Schulkameradin einen nicht besetzten Tisch an, ließ ihren vollgepackten Schulranzen auf die Erde plumpsen und ging zum Tresen der Essensausgabe. Gab ihre Essensmarke ab, nahm mit runzelner Stirn, betrachtend der heißen Erbsensuppe mit Bockwurst, den vollen Teller in Empfang. Sie schlurfte zu den Tisch, stellte den schwappenden Teller vorsichtig auf den Tisch, ließ den Löffel daneben blechernd aus der Hand gleiten und schaute sich um. Ihre Begleiterin löffelte bereits eifrig den Eintopf der Großküche.
Mit einmal kam ihr ein Jahr jüngerer Freund genannt „Lotte“ in den Raum hinein. Er war ein blonder Schopf mit lieb-frech, jungenhaften Blick. Lotte ging verschmitzten Ausdrucks auf Elaine zu, schmiss seinen Schulranzen auf die Erde, stellte sich an der Schlange von Kindern am Tresen an. Er holte sich eine große Kelle suppiger Masse ab, setzte sich lächelnd zu Elaine und deren Begleiterin an den Tisch. Sie plapperten kindlich ununterbrochen, betrachteten währenddessen das groß eingerahmte Bild von Erich Honecker an der Wand, welches vor ihnen hing.
Dieses blitzende Bild des Staatsoberhaupts durfte in keinem Raum fehlen. Er hing überall in den öffentlichen Einrichtungen, in jedem Klassenzimmer, sie kannten es nicht anders.
Elaine und Lotte schauten sich intuitiv an. Sie hatte den Gedanken Lottes lächelnd antizipiert, bevor er ihn äußerte. Da sie beide das Essen verschmähten, stocherten sie auf den Tellern des Essens mit den Löffeln herum, belegten diese mit vorerst drei Erbsen. Sie beschossen mit Wollust das Bild von Erich Honecker und belustigten das Hinunterrutschen der breiigen Erbsen an der Glasscheibe des Bilderrahmens. Sie wurden gelassen mutig, nahmen die Löffeln immer voller, so dass auch einiges daneben an der Wand landete. Zwischenzeitlich entfernte sich Elaineś Begleiterin kleinducksend mit dem geleertem Teller vom Tisch.
Nebenbei mussten beide aufpassen nicht erwischt zu werden, welches immer weiter in den Hintergrund rutschte. Die überzeugten Plapperer saßen in den Startlöchern, Elaine und Lotte bloßzustellen.
Beide lachten zischend bis zum steigernd, lautstark kindlichen Gelächter. Für sie war es ein Gaudi, sie vergaßen alles ringsum und bemerkten dabei nicht, dass die großgewachsen korpulente Köchin mit hochroten Kopf neben ihnen stand. Sie schob ihren massigen in Erscheinung tretenden Körperbau hervor, die Schürze beidhändig hochraffend und fragte beide mit herrisch angsteinflößend tiefer Stimme, ob ihnen das Essen nicht schmeckt. Was das soll, das Staatsoberhaupt Erich Honecker mit Essen zu beschießen, was für eine Schweinerei und dass es sich für Jungpioniere nicht gehört, ob sie beide sozialistische Feinde wären durch die verbotene Beeinflussung des Westens, des Klassenfeindes.
Elaine drehte langsam den Kopf hilfesuchen schauend zu Lotte, wurde immer kleiner auf ihren Stuhl und verstand nicht, was ihnen die Köchin vermitteln wollte. Elain fragte sich gedanklich „Welcher Klassenfeind?“, sie hatte keine Feinde. Lotte war ganz gelassen, er hörte Augen verdrehend nicht zu dem erzieherisch drillartigem Wortgefecht der Köchin. Sein starrer Blick gesengten Kopfes fixierend auf den Tisch. Er erahnte vielmehr, was ihn nach der Berichterstattung zu Hause erwarten wird.
Lotte schielte schmunzelnd zu Elaine herüber, welches die Köchin bemerkte, sie somit auf die Palme brachte. Sie schrie lautstark in den Raum „Ihr beide bleibt hier sitzen, das werde ich euren Lehrern, den Schulleiter melden, die sich mit euren Eltern in Verbindung setzen!“ Sie polterte wutentbrannt in die Küche, kam mit einem Blog und einem Bleistift wieder, um sich die Adresse, die Schule, die Klasse von beiden zu notieren. Ihre Augen verrieten den Erfolg des Anschwärzens, gedanklich sich eine Ehrennadel im Laufe der Zeit von überzeugt Gesinnten anstecken zu lassen.
Danach mussten Elaine und Lotte das Bild von Erich Honecker, sowie die beschmutzte Wand säubern. Indessen wurden sie in der kühlen Stille von mehreren Kinderaugen strafend beglotzt, die im frühem Alter überzeugend nach dem vorgegebenen Pflichtbewußtsein des sozialistischem Staates entsprachen.
Für sie war es eine Genugtuung, Elaine und Lotte so strafend zu sehen. In deren Köpfen zählte nur das stolze tragen des roten Halstuches der Jungpioniere, maschierend dazu gehören.
Nachdem sie beide alles befolgt und nach Anweisung erledigt hatten, gingen sie verschmitzten Lächelnś mit ihrem Schulranzen auf den Rücken zur Tür hinaus, den Essensdunst entwichen und die Stadtluft einatmend. Die Tür fiel ins Schloss, sie brachen in ein kraftvoll ausbringendes Lachen aus, über die entsetzten Gesichter in den Essensaal, das Gemecker der Köchin, die Kinder die nie richtig Kind waren, nur erstaunt drein schauten. Miteinmal überkam beide die Angst des nach Hause gehenś, weil sie keine Schläge beziehen wollten. Welches zur damaligen Zeit eine der erzieherischen Maßnahmen war.
Also beschlossen sie bis zum dunkel werden die Kirschplantage der Genossenschaft zu durchstreifen, um sich an den saftigen Kirschen satt zu essen bzw. damals hieß es klauen.
Sie kletterten über den Zaun, suchten sich einen vollbehangenen alten großen Baum raus, stiegen bis hoch hinaus in die Baumkrone. Sie pflückten in den Mund, spuckten mit Wonne die Kirschkerne schussartig durch die Lüfte, lachten und wurden immer mutiger, kletterten entlang der morschen gealterten Äste. Beide waren mit einem Auge auf der Hut, da der Wächter, ein älterer Herr von Zeit zu Zeit durch die Plantage streifte. In der einen Hand einen Stock dabei, um die kleinen Diebe damit machtergreifend einzuschüchtern. Manches Mal auch einen bissigen Schäferhund dabei, der die meiste Zeit auf dem riesigen Gelände vor dem Bauwagen angekettet an seiner Hundehütte rumlungerte.
Elaine und Lotte sahen den Wächter schon von weitem, ließen sich genüsslich die Süße der Kirschen weiterhin munden, stopften sich die Hosentaschen voll und nahmen im letzten Moment reißaus. Sie hatten beide Glück, da der Wächter diesmal seinen Bestie nicht bei sich hatte, welchen er gewöhnlich auf die kleinen Diebe hetzte. Von weiten sahen sie den Wächter mit erhobenen Armen über den Kopf wirbeln, das mürrische Schreien flog durch die Lüfte.
Es dämmerte so langsam, so dass sie sich voneinander verabschiedeten. Jeder schlurfte seinen wehmütigen Weg nach Hause.
Elaine dachte dabei an Lotte, den es immer schlechter, in Punkto Strafen, als ihr erging. Da er jedesmal regelrecht von seiner Mutter verprügelt wurde. Sie nahm einen Kochlöffel zur Hand mit dem sie bis zum zerbrechen auf ihn einschlug. Lotte musste am drauffolgenden Tag einen neuen kaufen, diesen seiner Mutter aushändigen für das nächste Mal. Manches Mal hatte er blaue Striemen auf seinem Gesäß. Welches ihn immer mehr zu verbotenen Herausforderungen veranlasste.
Elaine kam im dunkeln nach Hause und ihre Mutter stand schon in der Tür. Es gab ein verbales Donnerwetter wegen dem Zuspätkommens. Wobei Elaine nach der abendlichen Toilette zu Bett gehen mußte. Sie war erleichtert darüber, dass ihre Eltern noch nichts von dem Vorfall in der Schulspeisung erfahren hatten.
Sie legte sich ins Bett, zeichnete mit Bleistift auf einem Block. Das Zeichnen der Natur mit Bleistift oder Tusche war ihre Leidenschaft. Es sprühte nur so aus ihr raus. Sie bewunderte im Kindesalter die Ölgemälde der großen und kleinen Künstler. Sie sah in jedem gezeichneten oder gemaltem Bild, sei es mit Bleistift, Kreide, Tusche oder Ölfarbe einen Künstler. Es faszinierte sie jeder einzelne Strich, die Farbe, das Hervorheben, sowie tiefgründig ins kleinste Detail nichts vergessend.
Elaine zeichnete liegend auf dem Bauch im Bett bis zur Ermüdung der Augen. Schlafend in den Träumen der fantasie-gezeichneten Landschaft kam sie zur Ruhe.
– 2. Kapitel –
Ein paar Tage später traf sich Elaine nachmittags mit zwei Jungen aus ihrer Schulklasse, es waren Freunde von ihr. Siegmar 10 Jahre alt von kräftiger Statur, kurzes blondes Haar, er stammte aus einer gut situierten Familie. Sie bewunderte ihn sehr, da er das Talent seines Vaters besaß, die Malerei. Somit sich Elaine noch einige Kniffe aneignete, da sie sehr interessiert daran war.
Michael 11 Jahre alt, etwas dunkler Typ, schwarze kurze Haare, markantes Gesicht, schlanken Körperbau. Er hatte 5 Geschwister und seine Eltern ständig unter Alkohol kümmernten sich nicht um ihn, er bekam keine Liebe, sondern nur Prügel, was sich in seinem Alltag wiederspiegelte.
Siegmar und Michael wohnten in den Gettos der neu errichteten Blocks des sozialistischen Wohnungsbaus.
Die Drei stromerten an einem heißen Sommernachmittag durch die hochgewachsenen Ähren der Felder.
Michael lief vor in Richtung Bushaltestellehäuschen. Elaine und Siegmar hinterher. Alle drei blieben davor ausser Atem stehen, schnappten nach Luft und ließen sich mit dem Gesäß auf die dort stehende Bank fallen, schauten mit verfolgenden Blicken den vorbeifahrenden Autos hinterher.
Michael bemerkte aufeinmal „Schaut mal, was ich hier habe!“, zog eine angefangene Schachtel Zigaretten aus der Hosentasche. Er öffnete diese, entnahm eine Zigarette und schob sie sich stolz auf die zart kindlichen Lippen. Elaine und Siegmar schauten ihn verdutzenden Blickes verfolgend an. Michael hielt den neugierigen Gesichtern die offene Schachtel entgegen „Hier nehmt auch Eine!“ Elaine und Siegmar verneinten. Michael „Lasst uns hinter das Häuschen gehen, damit uns nicht gleich jemand sieht!“
Sie huschten nach hinten und pressten ihre Rücken an die Wand des Bushäuschens. Michael zündete sich die Zigarette an, demonstrierte einen Zug wie die Erwachsenen. „Probiert auch mal!“ Elaine schüttelte den Kopf, wobei Siegmar sich hustend verzogener Miene am feuchten saugen der Zigarette versuchte.
Michael holte ein Stofftaschentuch aus seiner Hosentasche. „Ich zeig euch was!“ Er zog kräftig an der Zigarette, lies seine Wangentaschen aufgeplustert, hielt das Taschentuch ausgebreitet mit beiden Händen vor den Mund und blies den Qualm langsam durch das Taschentuch. Er zeigte stolz das Ergebnis im Taschentuch „Seht her, das Gelbe hier ist alles giftiges Nikotin!“ Elaine wurde neugierig, probierte ziehend den rauchigen Dunst an Michaels Zigarette und ließ dem Qualm pustend durch das Taschentuch weichen. Es war für sie ein befindlich ekelerregender Geschmack, wobei sie den Bitterstoff herausspuckte.
Abwechselnd wiederholten sie dieses Spiel, mimten alle Drei die Coolen, obwohl sie sich nicht wohl zu sein schienen.
Elaine überkam ein Schwindelgefühl, setzte sich auf die Erde hinter den Bushaltehäuschen. Siegmar setzte sich dazu und Michael blieb lachend stehen.
Siegmar fragte ihn, woher er die Zigaretten hat. Michael berichtete spitzbübisch cool, dass er sie seinem Vater geklaut hatte. Wenn er das merkt, bekommt Michael wieder Prügel mit den Hosenträgern und nichts zu essen.
Siegmar, Michael besuchten gemeinsam mit Elaine die Schulklasse. Michael mußte ganz vorn allein auf der alten Schulbank sitzen, da er die Klasse wiederholte.
Diese sogenannten Sitzenbleiber wurden als Aussenseiter und schwierig deklariert, keiner sollte so richtig mit ihnen in Kontakt kommen. Es wurden Vorurteile verbreitet, aber Elaine bedauerte es meistens, sie wollte diesen „Sitzenbleibern“ eine Chance geben, indem sie sich ein eigenes Bild von ihnen machte. Für sie waren alle Menschen gleich.
Michael erschien ab und an mit einem blauem Auge im Unterricht, wobei er den Anderen gegenüber Lügen auftischte wegen seiner äußeren Erscheinung, die meisten ihn deswegen mieden. Nur seinen Freunden Siegmar und Elaine anvertraute er sich. So dass er schämend berichtete, sich im Sportunterricht nicht vor den anderen Mitschülern ausziehen zu wollen, da er meistens Spuren der Gewalt am Körper hatte. Seine Eltern ihn von den Klassenfahrten der Kinder und anderweitigen Aktivitäten ausschlossen. Er zu Hause für seine Eltern Bier vom Konsum holen mußte. Manche Tage erschein er nicht im Unterricht, wobei Elaine und Siegmar genau wußten, warum. Desöfteren hatte er verschliessene Hosen und kaputte Schuhe am Leib. Dazu kam seine Hungrigkeit, wo er schon so hager war.
Elaine und Siegmar gaben ihm ihre geschmierten Butterbrote mit dick Wurst belegt. Michael schlang es in einer Eile hinunter, so dass Elaine und Siegmar Mitleid empfanden, aber sie waren Freunde und ließen es sich nicht anmerken. Das Helfen untereinander war sehr von Bedeutung.
In der Schule gab es jeden Tag eine kleine Flasche Milch zu trinken. Alle Schüler und Schülerinnen wurden dazu verpflichtet, ob sie wollten oder nicht. Dazu wurden zwei Schüler durch das Lehrpersonal beauftragt, dies zu überwachen. Indem sie für ihre Schulklasse jeden Tag eine volle Kiste mit Milchflaschen aus Glas verschiedener Geschmacksrichtungen vom Hausmeister der Schule holten.
Sie stellten die Kiste in den Klassenraum, setzten sich daneben und überwachten das jeder Schüler/in seine Milchflasche leerte. Außerdem hatten sie die Aufgabe die gesamte Klasse in der 10-minütigen Milchpause zu beaufsichtigen.
Somit war Michael wenigstens in der Schulzeit versorgt.
Michael ist aus der Klasse verschieden, da er mit seinen Eltern und Geschwistern in die nächstgrößere Stadt nach den großen Sommerferien verzog. Die drei Freunde waren traurig, keiner wollte den Abschied. Elaine und Siegmar erkundigten sich Jahre später nach ihm. Michael war leider unter die falschen Leute geraten und abgestürzt.
– 3. Kapitel -
Kurze Zeit später, lernte Elaine durch Lotte den gleichaltrigen Lutz kennen. Er hatte kurze blonde Haare, ein schmales Gesicht und eine schlanke Figur. Er verliebte sich sofort kindlich in Elaine, so dass Elaine einen Verehrer mehr hatte, welches sie als Mädchen genoss.
Lutz lebte mit seinem Vater und beiden Brüdern in der Wohnung einer ehemaligen Kaserne. Seine Mutter verstarb, als er 6 Jahre alt war, bei der Geburt seines jüngeren Bruders.
Die Wohnung bestehend aus einem riesigem Raum, einer kleinen Küchenecke und der Toilette draußen auf dem Flur. Sie schliefen alle vier in diesem großem Raum, der nur durch Schränke und diverse Möbel geteilt war. Lutz zeigte Elaine stolz den Schlagstock seines Vaters, den er bei der Ausübung seines Berufes benötigte. Er arbeitete bei der Post und fuhr einen LKW W50. Allerdings verstanden sie nicht, wozu er den Schlagstock benötigte.
Lutz hatte seine täglichen häuslichen Arbeiten zu bewältigen, indem er die Küchenecke sauberhalten mußte, sei es Geschirr abwaschen, abtrocknen oder sonstiges. Ab und an mußte er auch seinen kleinen Bruder vom Kindergarten abholen.
Der Vater von Lutz war seit kurzer Zeit mit einer alleinerziehenden Kinderärztin befreundet. Sie hatte einen 9-jährigen Sohn Sven.
Es war ein wunderschöner Nachmittag, an dem Lutz sich mit Elaine zum spielen draussen traf. Leider mußten beide Sven abholen. Das war so abgemacht zwischen dem Vater von Lutz und der Mutter von Sven, dass Lutz mit ihm spielt.
Er passte überhaupt nicht zu den beiden, da er spielerisch sehr gehämmt war, bedingt durch die gradlinie Erziehung mit vielerlei Verboten. Er war in seinen jungen Alter von sich eingenommen und trug die Nase gegen Himmel. Machte Lutz und Elaine Vorschriften, dass sie beide dies und jenes nicht dürfen. Sie wollten ihm eine Lektion erteilen, indem sie beide auf dem staubigen Weg vor ihm wegliefen. Sven kam nicht hinterher, stolperte und rutschte längs über den Schotter. Er stand jammernd langsam auf, Elaine und Lutz kamen zurück. Er schaute an sich herunter, entdeckte das feuchte Blut durch die langsam tränkende Hose am Knie. Miteinmal weinte er heftigt, meinte, dass er nicht mehr laufen könne, seine Mutter mit Elaine und Lutz schimpfen würde, da er nur durch die Beiden hingefallen wäre. Seine Hosenbeine verschmutzt waren, er dafür Ärger von seiner Mutter bekommen würde.
Lutz und Elaine waren sauer über diese Äußerung „Was können wir dafür, wenn du nicht aufpasst!“
Sie meinten, dass sie ihn nach Hause bringen, um den Schmutz von der Hose zu entfernen. Er humpelte zwischen beiden. Dort angekommen, nahm Elaine ein Handtuch, befeuchtete es und versuchte den Dreck an der verschmutzten Hose zu entfernen. Sie rieb und rieb, aber die Fläche des Schmutzes wurde nur größer, also mehr Wasser nehmen. Da stand Sven nun in seiner nassen Hose und weinte, weil die Hose nun nass war. Lutz sagte, dass er eine trockene anziehen solle.
Miteinmal überkam alle drei der Hunger. Sven führte Elaine und Lutz in die Küche, wobei sie nach Essbarem suchten. Sie schmierten sich Schwarzbrot-Stullen nur mit Marmelade, verzerrten sie stehend in der Küche. Elaineś Hände klebten verschmiert von der Marmelade, diese sie nebenher ableckte.
Auf einmal drehte sich der Schlüssel von außen in der Wohnungstür, die Mutter von Sven kam zur Tür herein. Sie legte nicht mal ihren Mantel ab, es gab ein Donnerwetter. Entsetzenden Blickes riss sie den dreien die Reste der Marmeladen-Stullen aus den Händen, schmiss sie ekelerregend auf den Tisch und schob Lutz mit Elaine wutentbrannt zur Tür hinaus, als wären sie Abschaum.
Das Geschrackel war noch auf der Straße zu hören, wie sie Sven zur Rechenschaft zog, er keinen mit in die Wohnung nehmen darf, schon garnicht Lutz und Elaine, die sich bei ihr durchessen.
Sie schlenderten den Asphalt entlang und kickten mit den kleinen Steinen. Nebenher Wut im Gesicht geschrieben, über diese Frau. Beide verstanden diese Reaktion mit ihren 10 Jahren nicht, da sie nichts verbotenes getan hatten. Oder war es wegen der Marmelade, sie lachten beide und rannten um die Wette.
Elaine traf sich sehr oft mit Lotte und Lutz zum spielen. Beide Jungen vergötterten Elaine, so dass sie wegen Elaine in den Schwimmverein, in dem Elaine trainierte, eintraten, um ihr näher zu sein.
Die Monate vergingen und das Verhältnis spitzte sich zu, indem Lotte und Lutz, Elaine für sich allein haben wollten. Also traf sich Elaine nur noch mit jeweils Einem, so dass der Andere davon nichts mitbekam. Sie mochte beide zu sehr und sah sie als gute Freunde.
Der Winter zog ins Land und die Kinder trafen sich zum Schlitten- oder Ski-fahren.
– 4. Kapitel –
Im darauf folgenden Frühjahr erkrankte Elaine mit ihren noch 10 Jahren an einer sehr schweren Virus-Grippe. Sie hatte 3 Tage eine Körpertemperatur von 41°, schlief den ganzen Tag fröstelnd durchnässt. Sie wurde am 4. Tag in ein Krankenhaus eingewiesen. Dort legte man sie in ein 3 Bett-Zimmer und es fanden jegliche Untersuchungen statt. Unter anderen wurde Elaine des einen Morgen in einen Raum gebracht, wo sie auf eine Liege gesetzt wurde. Sie schaute sich mit fiebrigen Augen um, bemerkte vier Krankenschwestern und zwei Ärzte im Raum. Keiner redete mit ihr. Elaine bekam Angst und wurde nervös, ihr Nachthemdchen wurde hochgeschoben und das Schlüpferchen am Gesäß etwas nach unten. Plötzlich hielten die vier Krankenschwestern Elain ganz fest, zwei die Beine runterdrückend und zwei den Körper in Sitzstellung den Oberkörper auf die Knie gedrückt. Der Arzt setzte eine Spritze mit Kanüle an im unteren Bereich der Wirbelsäule, versuchte Elaine Rückenmark zu entnehmen. Elaine schrie aus Leibeskräften nach Hilfe, da sie einen wahnsinnigen Schmerz verspürte und nach Luft rang. Sie war mit ihrer überhöhten Körpertemperatur voll da, wehrte, versucht kämpfend aus den Klammergriffen der Erwachsenen zu kommen. Sie hatten zu viert Mühe das kleine Mädchen festzuhalten, eine unvorhergesehene Kraft die in ihr aufkam. Somit bohrte dadurch die erste Kanüle tiefer rein, wobei sie sich verbog. Es blieb ihr nichts erspart, sie bekam alles mit. Schweißausbrüche, Tränen des Schreiens in dieser schmerzlichen eingepressten Enge waren unerträglich beängstigend für sie. Der Arzt musste diese Tortour wiederholen. Elaine schrie nach ihrer Mama, aber niemand erhörte die vergeblichen Schreie. Diese Qualen der martervollen Ewigkeit unerträglich. Der Arzt hatte was er wollte, somit ließen die festen Griffe ab von Elaine. Sie sang erschöpft mit erregt bebenden Körper pulsierenden Blutes auf die Liege.
Sie wurde auf ihr Zimmer geschoben und weinte, weinte so vermissend ihre Mutter und allein gelassen, die Schmerzen begleitend, in sich zusammengekauert.
Elaineś Mutter besuchte sie täglich, nahm es nur nicht immer wahr. Wenn Elaine mal kurzzeitig beim Besuch wach war, schauten sich beide in die Augen und die Tränen nahmen ihren Lauf. Kein Sprechen, dafür war Elaine zu schwach. Sie konnte nur einige tröstende Worte vernehmen bevor sie wieder einschlief.
Eines Tages erkundigte sich ihre Mutter bei Elaine über den Vorfall der Rückenmarkentnahme, ob das stimmt, dass sie das mit ihr praktiziert hatten, ohne die Eltern zu befragen.
Elaineś Tante war im diesem Krankenhaus als Krankenschwester angestellt und hatte an diesem berüchtigtem Tag Dienst, somit berichtete sie Elaineś Eltern von den Qualen des Eingriffs an Elaine. Ihre Mutter hätte diesen Eingriff nicht zugelassen, aber in diesem Staat bestand kein Mitspracherecht.
Nach einer vergeblichen Woche, wurde sie in ein Landeskinderkrankenhaus transportiert, da die Körpertemperatur nicht fiel. Sie nur mit glasigen Augen apathisch im Bett lag.
Man verlegte sie in einen sterilen Raum umgeben von Glas, wo nur sie mit dem Bett drin lag. Neben den Glasraum zwei dergleichen auch von Kindern belegt. Die Krankenschwestern waren dort sehr nett zu Elaine und versuchten ein beschützend, vertrauungsvolles Verhältnis aufzubauen, da sie Elaine ängstlich vorfanden, wenn sie wach war. Elaine schlief sehr viel in ihrer hitzigen körperlichen Verfassung, lies somit alles über sich ergehen. Was konnte ihr Schlimmeres passieren, wie in dem vorherigem Krankenhaus. Es wurde ihr sehr viel Blut abgenommen und sie bekam täglich mehrere Spritzen, meist im Schlaf. Wobei sie manchesmal aufwarte, die Nadel in ihrem Oberschenkel sah, mit einem Augenaufschlag noch die Krankenschwester anschauend, zu mehr reichte ihre Kraft nicht mehr, da sie zunehmend schwächer wurde.
Es vergingen Wochen, Elaine ging es langsam besser begleitend durch die Bluttransfusion ihres Vaters, der glücklicherweise die selbe Blutgruppe 0 Resusfaktor Negativ Elaineś hatte. Elaine verbrachte noch 3 Wochen in dem sterilen Glaskasten. Besuch durfte sie nur am Fenster hoch oben hinausschauend durch die Scheibe empfangen. Sie stand mit ernst starren Blick in der gesamten Fensterscheibe. Die Tränen kullerten, ihre Mutter rief draußen fragende Worte, was Elaine brauch, haben möchte, aber Elaine antwortete nicht. Sie war enttäuscht von ihren Eltern, da sie mit ihren 10 Jahren die Welt nicht verstand, warum ihre Eltern sie hier allein gelassen hatten und nicht rausholten. Elaine wollte nur nach Hause in den Armen ihrer Eltern liegen. Sie hatte diesen Krankenhausgeruch satt, ihre Notdurft mußte sie auch im Glaskasten verbringen, wo jeder zuschauen konnte. Das Essen verschmähte sie von Anfang an, dadurch mußte sie an den Tropf.
Ihre Mutter weinte vor dem Fenster bitterlich ins Taschentuch, da Elaine wie versteinert im Fenster stand.
Sie verabschiedete sich und gab bei der Krankenschwester noch einige Sachen für Elaine ab, denen Elaine vorerst keine Beachtung schenkte, da sie annahm ihre Eltern wollten sie nicht bei sich haben.
Mit der Zeit gewann Elaine Zuneigung zu einer jungen Krankenschwester, sie mochten sich gegenseitig sehr. Sie hatte meistens Nachtschicht. Elaine bekam in dieser Zeit Geschichten vorgelesen, wobei sie mit den Augen eines Kindes, sehnend nach Liebe und Geborgenheit, in die lesenden Augäpfel der Krankenschwester schaute, darin sich ihre Mutter wiederspiegelte. Elaine genoss die tröstenden Worte mit dem zeitgleichen Streicheln ihres Kopfes von der menschlich berührten Krankenschwester.
Eines Tages wurde Elaine innerhalb des Krankenhauses in den großen Kindersaal verlegt. Soviel Betten in einem riesigem Raum hatte sie noch nicht gesehen, allerdings waren nicht alle Betten belegt. Dort verbrachte sie weitere 4 Wochen und freundete sich mit einem 6 Jahre alten Jungen Namens Kai an. Er war von klein zierlicher Natur, dunkelbraune kurze Haare, spitzbübisch jungenhaftes Gesicht und hatte mit der Lunge zu kämpfen. Er wurde jeden Abend bevor die Nacht eintrat von zwei kräftigen Krankenschwestern auf ein großes Brett im Bett mit den Händen und Füßen angeschnallt, wie man es aus Bildern der Psychiatrie kennt, nebenher wurde er an eine Maschine angeschlossen. Elaine verspürte sehr viel Mitleid ihm gegenüber, es brach ihr das Herz, da er die ganze Nacht weinte, zwischenzeitlich schrie, weil seine Luft knapper wurde. Das laute Atmen war ein pfeifendes Röcheln. Elaine fragte ihre ins herzgeschlossene Krankenschwester „Warum Kai jede Nacht auf dem Brett angeschnallt wird“. Sie berichtete, dass Kai sich immer wieder die Schläuche aus seinem Körper gerissen hatte und es ihm dann noch schlechter ging, es sei nur eine Sicherheitsmaßnahme für den Kleinen“.
Besuch bekam er sehr selten, somit lenkte Elaine den Kleinen beschäftigend ab, er war diese Zeit so glücklich, dieses Lachen eines Kindes.
Elaine bekam täglich im großen Saal Privatunterricht von einem Lehrer, da sie nicht soviel schulisches versäumen sollte. Die ihr ans Herz gewachsene Krankenschwester übte und übte mit Elaine nebenbei in den Zeiten, wo sie in einer Tagschicht nichts zu tun hatte. Elaine sah sie schon als 2. Mutter an, das Lernen bereitete ihr Freude und es waren Erfolge sichtbar.
Kai genoss die Nähe Elaineś, er war so zerbrechlich, hilflos traurig und störrisch misstrauisch anderen gegenüber. Er vertraute sich nicht jedem an, neben Elaine war es etwas anderes. Kai war schon Monate zuvor dort eingeliefert, verbrachte die meiste Zeit im Kinderkrankenhaus. Er kuschelte sich desöfteren bei Elaine an, sie nahm ihn in die Arme, auf den Schoß zum knuddeln und sie lachten beide.
Eines Nachts hatte die Krankenschwester eine Überraschung für Elaine. Sie führte Elaine in der nächtlichen Ruhe durch die Räumlichkeiten des alten Gemäuers, bis sie vor der Säuglingsstation standen und Elaine freudestrahlend die Frühgeborenen an der Scheibe bewundern durfte. Darüber mußte sie Stillschweigen bewahren, welches sie als Kind gern in Kauf nahm. Es war ein herzlicher Moment, den Elaine nie vergessen wollte.
Es kam der Tag der Entlassung und Elaine weinte fürchterlich, da sie sich so sehr an die Krankenschwester und Kai gewöhnt hatte, der arme Kleine wieder allein, seine Tränen hörten nicht auf, so dass er einen Anfall bekam und Elaine aus den Saal geschickt wurde. Er schrie herzzerreißend.
Für ihre Eltern hatte sie im Moment kein Lächeln. Es sprach nur das Herz mit einer schmerzlichen Traurigkeit, die Liebsten ins Herz geschlossen nie wieder zu sehen.
Somit begann der Alltag im trauten Heim für Elaine, dort bekam sie begleitend zum Schulunterricht weiterhin Privatunterricht. Sie meisterte alles gut, fing das Malen wieder an und kehrte dabei in sich. Ihre Mutter war begeistert von den Bildern, so dass Elaine langsam wieder Vertrauen zu ihr erlangte.
Nebenbei las sie sehr viel Märchenbücher, am liebsten die Russischen. Sie schwebte dadurch in einer paradiesischen Fantasie-Welt, so dass sie miteinmal auch noch das Schreiben anfing. Sie schrieb und schrieb fantasievolle Geschichten für sich in einer Märchen-Welt, welches nur ihre Mutter heimlich zu Gesicht bekam.
Im Teenageralter erfuhr sie durch Zufall, dass Kai sich in einem Behinderten – Heim befand. Jahre danach bekam sie die erschreckende Nachricht, dass er nur 21 Jahre geworden war.
– 5. Kapitel –
Die Deutsche Demokratische Republik (DDR), stellte den Kindern und Jugendlichen sportliche Aktivitäten in Vereinen kostenlos zur Verfügung. Dies wurde über die volkswirtschaftlichen Betriebe organisiert, in denen die Eltern tätig waren.
Der sozialistische Staat war bedacht darauf, gute disziplinierte Sportler mit Höchstleistungen zu erziehen, indem sportlich drillartig heranwachsende Kinder über die Hobbys geschult wurden. Nebenher hatten die Eltern aus den produktiven Betrieben die Möglichkeit sich von der Arbeit zu erholen und Kraft für den nächsten Tag zu schöpfen.
Elaine genoss das Training seit ihrem 7. Lebensjahr im hiesigen Schwimmverein des Ost-Harzes. Der Trainer, Ende 30, attraktiv, sehr sportlich, braun gebrannt, genannt „Hamster“ und seine Übungsleiter trainierten mit 40 bis 50 Kindern jeden Dienstag und Freitag. Freitags war Krafttraining in einer großen Sporthalle, welches mit einem 3 km Lauf im Wald begann. Elaine und ihre Freundinnen versuchten den Weg abzukürzen, aber Hamster war nicht so einfach hinters Licht zu führen, da er einige Ecken kontrollierte, indem er hinterher lief. Somit mussten sie eine Strafrunde laufen. Das Schwimm-Training fand jeden Dienstag in der 25 km entfernt nächstgrößeren Stadt statt. Leider gab es an Elaineś Wohnort kein Hallenbad, nur ein Freibad. Somit musste der Verein in den kühlen Monaten Dienstagnachmittag mit dem Doppelstock-Zug zur nächstgrößeren Stadt fahren. Zwei Stationen vorm Hauptbahnhof aussteigen und zu Fuß noch 20 Minuten bis zum Hallenbad. Sie konnten auch mit der Strassenbahn fahren, aber die 0,20 Pfenning sparten sie sich für den Bäcker, indem sie kurz vorm Ziel des Weges, trockene Brötchen mit einer Salzlauge überzogen für 0,05 Pfennig/Stück und mal ein Stück Kuchen kauften, für den großen Hunger nach dem anstrengenden Training. Manchmal gab es auch eine Tüte Kuchenränder für 0,10 Pfennig, diese Elaine stolz in den Händen aus den Laden trug.
Sie hielten sich 2 Stunden im Hallenbad auf, wobei das Training mit einem 3000 Meter schwimmen begann. Die Bahnen hatten eine Länge von 25 Meter, so dass keiner der Kinder während des Schwimmens zählte, da achtete der Trainer drauf, der sie alle anspornte und die Zeit dafür im Kopf hatte. Danach kam das Umsetzen der Kraft in Schnelligkeit, sowie das perfekt Üben spezieller Schwimmarten. Es wurden 50 oder 100 Meter Wettkämpfe rivalend unter den befreundeten Kindern geschwommen. Elaine lag der Freistil (Kraulen) und das Rückenschwimmen sehr. Ihre Arme ruderten schnell, kraftvoll mit flinken gestreckten Beinen durch das Wasser. Die Augen dabei immer offen schauend an die beflieste Wand, im Wasser der langen Linie auf dem Grund folgend, die Wende an der richtigen Stelle einsetzend. Es bereitete ihr sehr viel Freude, da sie ihre Leistungen immer mehr steigerte. Ihre 1 Jahr jüngere Schwester war auch mit im Verein. Sie war etwas stärker gebaut als Elaine und hatte ihre Stärken im Freistil und Delphin-Schwimmen. Elaine bewunderte die kraftvolle Schnelligkeit des Delphin-schwimmens bei ihrer Schwester, da es nicht jeder beherrschte.
Hamster und die Übungsleiter kannten den Vater von Elaine und ihrer Schwester zu gut, dieser mit Vornamen „Fritz“ hieß und sie somit die beiden Mädchen „Fritzchen“ nannten. Das missfiel Elaine sehr, sie sträubte sich dagegen, erwiderte das Rufen der Namen mit einem grimmigen Blick der faltenbildenen Stirn. Was die Erwachsenen belustigten, nun erst recht den Kosenamen riefen.
Nach den offiziellen trainieren im Wasser, durften alle Kinder und Jugendlichen sich spielerisch im Wasser bewegen, wobei Hamster und ein Übungsleiter dazu neigten, vereinzelte Mädchen im pubertären Alter unterzutauchen, um sie unsittlich zu berühren. Bei diesen Anblicken überkam Elaine ein ekelerregendes Gefühl, welches sie wieder verdrängte. Als die Mädchen aus dem Wasser kamen, gab es von Hamster auch mal ab und an einen Klaps auf das Gesäß, woran er sich ergötzte.
Elaine blieb dessen glücklicherweise verschont, da sie in der körperlichen Entwicklung etwas hinterher hinkte. Keiner der Mädchen erzählte seinen Eltern davon, da ihnen keiner Glauben schenken würde, sie waren halt Kinder.
Nach dem Duschen und Ankleiden gingen sie in unterschiedlichen Gruppen Richtung Bahnhof und verbrachten die Stunde bis zur Abfahrt des Zuges in der Kneipe vorm Bahnhof. Da holte sich Elaine mit den anderen Kindern meistens mit Senf beschmierte Schwarzbrot-Stullen für 0,10 Pfennig das Stück.
Abends um 20.30 Uhr fuhr der Zug in den Bahnhof Elaineś Wohnort ein. Sie ging mit ihrer Schwester im Licht der Straßenlaternen den 10 minütigen Weg nach Hause.
Jeden Dienstag das gleiche Spiel des Schwimmvereins. Elaine saß mit ihren Schwimmkameraden im oberen Zugabteil und beobachtete bei der Ankunft des Zuges im Bahnhof von Fenster aus, die russischen Soldaten, die auf dem Bahnhof in der Kälte zum Kohle schippen der Waggons verpflichtet wurden. Elaine war mittlerweile 11 Jahre alt und der russischen Sprache teilweise mächtig. Diese Sprache fiel ihr sehr leicht, so dass es sich neben Kunst und Sport zu ihrem Lieblingsfach entwickelte.
Die Russen, so nannten die Kinder sie, durften nicht in Kontakt kommen mit den deutschen Kindern oder anderen Personen. Der Befehl lautete, nicht mal anschauen, ansonsten wurden sie abgeführt von zwei Wachen mit Maschinengewehren. Für Elaine und deren Schwimm-Kameraden war es ebensfalls verboten, die Russen eines Blickes zu würdigen, mit ihnen zu reden oder die Hand geben, da sie als Schwerverbrecher, Mörder oder politisch Verfolgte dargestellt wurden. So trichterten die überzeugten Sozialisten es den Kindern mehrmals ein, welches sich bei den meisten auch im Gedächnis einbrannte, somit die sozialistische Funktion nicht verfehlte.
Die Russen durften untereinander auch nicht reden, nur arbeiten. Ein russischer Offizier stand im Hintergrund mit den zwei auf und ab gehend bewaffneten Russen.
Eines Tages fuhr der Zug wieder mit Elaine, dem Schwimm-Verein in den Bahnhof rein. Elaine sah die Russen schon von weiten zwischen den Waggons, der riesig erscheinenden Kohleberge, wobei sie sich vorgenommen hatte, einen der Russen anzusprechen, um nach einem blitzendem Abzeichen zu fragen, da die russischer Art für Elaine etwas besonderes waren.
Außerdem beschäftigten die traurigen Blicke Elaine sehr, sie hatte Mitleid mit ihnen. Elaine war noch in dem kindlich beeinflussenden Alter, was sich teilweise in der erzieherisch, sozialistischen Einstellung dem russsichen Volk gegenüber wiederspiegelte. Elaine mochte das Land und die Menschen durch die täglichen Erzählungen. In ihrer Schulklasse hatten die meisten Kinder russische Brieffreunde/innen, sie sammelten Bildmaterial, wobei Lenin als Widerstandskämpfer an erster Stelle stand.
Elaine erkundete durch das Fenster im langsam reinfahrenden Zug die Lage der dort arbeitenden Russen, schaute wo sich die zwei Wachen mit den Maschinengewehren aufhielten, da sie den Offizier nicht sah. Keiner der Aufpassenden war zu sehen, nur der dampfende Atem der Russen zwischen den Kohle-Bergen. Elaine stieg mit den Anderen aus den Zug und ließ sie weiter vor gehen, entfernte sich aus der Gruppe und ging langsam über die Bahnschienen auf den kohleartig staubigen Teppich zielstrebig der schaufelnden Russen zu. Ihre Hände und Gesichter waren mit Kohlenstaub bedeckt.
Elaine´s Herz klopfte aus Angst bis an den Hals, da sie miteinmal die Geschichten der Sozis in den Sinn kamen, ob sie nicht doch Mörder wären.
Sie begrüsste sie mit einem leisem „Добрый ден/Guten Tag“. Die schwarz verschmierten Gesichter beäugten sie lächelnd mit gehobenen Hauptes und erwiderten gleiches. Elaine strahlte, unterhielt sich brockenweise russisch mit den fünf zwangsarbeitenden jungen Männern, erkundigte sich nach dessem Befinden und warum sie hier Kohle schaufeln müssen. Die Russen erzählten in russisch/deutsch, dass sie nicht gehorsam waren und nun 3 Jahre hier in der DDR zur Zwangsarbeit versetzt worden sind. Sie in dieser Zeit nicht nach Russland zu den Familien dürfen, keinen Brief Kontakt, also total abgeschnitten von der Familie und Freunden.
Sollten sie sich dem Befehlen wiedersetzen, werden sie nach Sibirien zur Zwangsarbeit verbannt, wo Dessatuere hingeschleppt worden sind, in die einsame eisige Kälte. Sie schauten sich während des Gesprächs ständig angstvoll um, kreisten Elaine dabei ein, damit sie nicht gesehen wird, wenn jemand kommt.
Elaine zeigte auf ein Abzeichen, verhandelte mit den Händen und einem Lächeln. Die Russen verzogen die Mundwinkel, die hellen Zähne stachen im schwarzen Gesicht hervor, sie waren für diesen einen Moment glücklich, schauten sich weiter dessen nach den Offizier und den Wachen um, aber keiner zu sehen. Der liebe Gott meinte es heute gut.
Der eine Russe gab zu verstehen, dass er Elaine ein Abzeichen besorgen wird, wo Lenin mit der sowjetischen Flagge drauf ist und dass Elaine ein gutes deutsches Kind sei.
Elaine bedankte sich mit einem „Спасибо“, ihr kindliches Lächeln schaute den Russen in die glänzenden Augen und gab ihnen Bonbons, mit einem „Пожалуйста/Bitte“ aus ihren vollgestopften Hosentaschen, bewusst für die Russen eingesteckt. Die fünf Russen nahmen sie freudestrahlend von den kleinem Mädchen entgegen, streichelten ihr über den Kopf und mussten schnell wieder an die Kohle-Schaufeln, bevor jemand etwas bemerkt. Elaine riss ihre Sporttasche vom Boden, verabschiedete sich ganz stolz auf russisch, hetzte den Schwimm-Kameraden schnellen Schrittes hinterher, ein letztes umdrehen, winken zu den Kohle-verschmierten Russen.
Bei ihrer weitergehenden Schwester aus der Puste angekommen, bekam sie auch gleich Schelte, da Elaine nicht zu den Russen gehen darf und sie es ihren Eltern petzen würde.
Cool!
Ja das war so ich hab die zeit auch nicht vergessen für mich wars nur schön die zeit mit dir zu verbringen und ja ich hab dich vergöttert.liebe grüüüüße Lotte
Hallo Lotte,
danke, dass du dir die Zeit, für das geschrieben Erlebte aus unserer Kindheit, genommen hast. Ich danke auch der schönen Zeit, die ich mit dir verbringen durfte. Wir haben soviel Unsinn gemacht, du mehr als ich…..
…. es war trotz der erzieherischen Maßnahmen, wunderbar.
Liebe Grüße und danke für deinen überraschenden Besuch
Julie